Donner, Matsch und Herzlichkeit – Ein Tag zwischen Naturgewalten und Menschlichkeit
Als ich heute Morgen am See erwachte, war ich erleichtert, dass der angekündigte Regen in der Nacht ausgeblieben war. Auch die dunklen Wolken am Horizont verzogen sich langsam. So saß ich dort, am Ufer des Tercan Barajı, mit Blick auf das glatte Wasser und genoss mein Frühstück – Toastbrot mit Erdnussbutter. Eine willkommene Abwechslung zu den täglichen Schokokeksen.
Gegen 8:30 Uhr brach ich auf, stets wachsam, um keine Glasscherben oder spitzen Müllteile in meinen Reifen zu erwischen – leider lag dort am See ziemlich viel Müll herum. Die ersten 25 Kilometer forderten mich direkt: 550 Höhenmeter bis auf 2057 Meter Höhe. Die Straßen waren steil, der Regen hängte in der Luft und das Atmen fiel durch die feuchte, schwere Höhenluft nicht leicht. Ich bekam leichtes Kopfweh – und genau als ich oben ankam, setzte auch der Regen ein.
Die Abfahrt nach Aşkale war daher alles andere als genussvoll: Nasse Straßen, vorbei an donnernden LKWs, durch den kalten Regen. In Aşkale angekommen, suchte ich lange nach etwas Essbarem, bis ich schließlich einen Çiğköfte-Laden fand. Zwei Çiğköfte, ein Softdrink – eine kurze Pause zum Aufwärmen und Durchatmen.
Wenig später machte ich mich auf zum nächsten großen Anstieg. Es lagen rund 60 Kilometer und viele Höhenmeter bis Erzurum vor mir. Kaum hatte ich die Stadt etwas hinter mir gelassen, befand ich mich auf freiem Feld – als plötzlich eine Gewitterzelle auf mich zurollte. Innerhalb kürzester Zeit donnerte und blitzte es bedrohlich. Und dann – keine hundert Meter von mir entfernt – ein gleißender Blitz. Der Donner folgte sofort. Es war der Moment, in dem mir bewusst wurde, wie knapp ich dem Tod entkommen war.
Ich war der höchste Punkt im Umkreis – auf offenem Feld. Ohne zu zögern bremste ich, legte mein Fahrrad ab und kauerte mich unter einem Busch am Straßenrand, während der Regen wie aus Eimern fiel. Das Gewitter tobte noch einige Minuten weiter, dann verzog es sich ebenso schnell, wie es gekommen war.
Kaum hatte ich mich wieder aufgerafft, kam ein Landwirt mit seinem Traktor vorbei. Er fragte mich, warum ich mir das alles antue – eine Frage, die mir oft gestellt wird. Und doch ist die Antwort immer die gleiche: Ich liebe das Abenteuer. Ich liebe es, den direkten Kontakt zu Menschen, zur Kultur, zur Landschaft zu erleben. Der Mann winkte mich schließlich in sein Dorf – Güllüdere, ein kleines Nest in den Bergen. Gemeinsam mit einem weiteren Bauern fuhren wir im Traktor die kurvige, steile Strecke hinauf.
Oben angekommen, wurde sofort der Ofen angeschmissen, Tee gekocht und Google Translate gezückt. Wir redeten über alles – so gut es ging. Auch diese Familie hatte Verwandte in Deutschland, und es dauerte nicht lange, bis per Handy ein Onkel angerufen wurde, um von mir zu erzählen. Es war schön zu sehen, wie sehr sich diese Menschen über meinen Besuch freuten – sie sagten, es sei noch nie jemand mit dem Fahrrad zu ihnen gekommen.
Nach anderthalb Stunden Tee, Gesprächen und Lachen brach ich wieder auf. Der Sohn der Familie, Mohammed, sagte mir, der Weg, den ich geplant hatte, sei gut fahrbar. Doch der vorherige Regen hatte die Offroad-Abkürzung in eine Schlammlandschaft verwandelt. Der lehmige Matsch klebte in dicken Schichten an meinen Reifen, blockierte Schutzbleche und drohte sogar, meinen Riemenantrieb zu beschädigen. Ich kämpfte mich durch, schabte Schlamm von den Reifen, trug das Rad ein Stück bergauf und schob es auf einem schmalen Grasstreifen zurück zur Straße.
Diese Tortur hatte mir alles abverlangt. Ich war erschöpft, entkräftet, aber wusste: Es lagen noch rund 50 Kilometer vor mir – mit weiteren Höhenmetern. Ich fuhr, so gut ich konnte, hochkonzentriert und mit schwindenden Energiereserven. Keine Tankstellen, keine Läden – nur ich, mein Fahrrad und die Straße.
Kurz vor der Hauptstraße türmte sich hinter mir eine gewaltige, dunkle Gewitterfront auf. Ich rettete mich gerade noch rechtzeitig in eine Tankstelle. Dort fing es Minuten später heftig an zu blitzen und regnen. Die Mitarbeiter der Tankstelle – beide um die dreißig – waren direkt herzlich. Ich bekam Tee und wir kamen ins Gespräch. Einer der beiden fragte mich, ob ich eine Möglichkeit kenne, wie er nach Deutschland kommen könne – sein Visumantrag war bereits zweimal abgelehnt worden. Es ist ein Thema, das ich auf dieser Reise immer wieder höre: Die Sehnsucht vieler junger Menschen nach einer Perspektive außerhalb der Türkei – und die Enttäuschung über verschlossene Türen.
Als das Gewitter sich gelegt hatte, machte ich mich auf die letzten 16 Kilometer Richtung Erzurum. Die Luft war kühl, der Wind rau – die Stadt liegt auf knapp 2000 Metern Höhe. Am Hotel angekommen, bestand ich darauf, mein Fahrrad sofort vom Schlamm zu befreien, bevor sich die Erde zu einer festen Kruste verwandeln konnte. Danach konnte ich meine Taschen ins Zimmer bringen – und mich endlich duschen.
Fünf Tage ohne Körperhygiene – heute fiel alles von mir ab. Dreck, Schweiß, Sonnencreme – wie Schichten einer langen Etappe. Nach dieser Erlösung gönnte ich mir in der Stadt noch Pizza und Salat. Müde, aber erfüllt, fiel ich ins Bett – mit dem Wissen, dass ich morgen einen Erholungstag habe. Und den werde ich brauchen.










