Magie zwischen Felsen, Tee und politischen Gesprächen
Der Tag begann in meinem kleinen Häuschen auf 2160 Metern Höhe. Als ich aufstand und die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster fielen, lag ein stiller Zauber über den weißen Bergketten ringsum. Der Ausblick war gewaltig – klar, frisch, fast wie gemalt. Mein Frühstück bestand – wie so oft – aus ein paar Keksen. Nicht viel, aber genug, um mich auf die große Abfahrt nach Erzincan einzustimmen.
Die Fahrt hinunter war ein Genuss. Links und rechts türmten sich mächtige Felsmassive auf, die sich bis zum Horizont zogen. Ich war so fasziniert vom Panorama, dass ich mich mehrfach selbst daran erinnern musste, den Blick wieder auf die Straße zu richten.
In Erzincan angekommen, spürte ich sofort den Trubel der Stadt. Nach rund 75 Kilometern entdeckte ich ein kleines Restaurant an einer Tankstelle – dort wurde Frühstück für die LKW-Fahrer angeboten. Für 200 Lira (etwa 4,50 €) bekam ich ein reich gedecktes Mahl: Brot, Tee, Käse, Honig, Marmelade, Gemüse – ein Festessen, das mir neue Energie gab.
Gut gestärkt machte ich mich auf den Weg zu meinem heutigen Anstieg. Am Fuß des Berges winkte mir ein Mann aus einem winzigen Dorf zu. Ich hielt an – und ehe ich mich versah, saß ich mit seiner ganzen Familie bei Tee und warmem Gebäck. Er erzählte mir, dass sein Cousin als Arzt in Bochum arbeitet. Es ist fast schon ein roter Faden dieser Reise: Jeder kennt jemanden in Deutschland – meistens in Bochum, Mannheim, Hamburg oder Frankfurt.
Nach drei Tees und warmen herzhaften Gesprächen verabschiedete ich mich und machte mich an den Aufstieg. Und was soll ich sagen: Es war eine der schönsten Etappen meiner Reise. Die Felsen, die sich in unterschiedlichsten Farben und Formen auftürmten, die Stille auf dem Weg – kein einziges Auto, nur ich und die Berge. Ich war so dankbar, nicht die Hauptstraße gewählt zu haben.
Der letzte Abschnitt des Aufstiegs hatte es in sich: grobe, faustgroße Steine, steile Rampen, ausgespülte Wege. Doch als ich den Gipfel erreichte, wurde ich belohnt – mit einer spektakulären Aussicht auf das Tal dahinter. Ich fuhr vorsichtig bergab, musste mich aufgrund des schwierigen Terrains sehr konzentrieren, doch Stück für Stück arbeitete ich mich nach unten.
Im ersten Dorf angekommen, fuhr ich wieder auf Asphalt. Die Erleichterung war spürbar – endlich rollen lassen. Doch dann: Plattfuß. Nummer acht. Inzwischen ist mein Umgang damit fast schon routiniert: Taschen ab, Schlauch raus, wechseln, aufpumpen, weiter geht’s. Kein Ärger mehr, nur Ruhe und Akzeptanz.
Kurz darauf hielt ein Mann im Pick-up neben mir an. Er sprach überraschend gut Deutsch, erzählte, dass er aus einem Dorf in der Nähe kommt, und stellte mir interessiert Fragen. Seine warme Art, seine Offenheit – das war wieder so ein Moment, der mir neue Energie schenkte.
Im nächsten Dorf musste ich dringend Wasser auffüllen – die Bergetappe hatte alles aufgebraucht. Dort traf ich einen ehemaligen Lehrer, der durch den gescheiterten Putsch am 9. Juli und die Folgen der Erdoğan-Regierung seine Arbeit verloren hat. Er sprach offen und ehrlich über seine Sorgen, seine Wut, seine Ohnmacht. Viele andere trauen sich nicht, politische Themen anzusprechen, zu groß ist die Angst vor Repression. Umso mehr berührte mich dieses Gespräch.
In Tercan angekommen, suchte ich nach einer Unterkunft – ich hatte mich seit Kapadokien nicht mehr gewaschen. Doch Hotel Nummer eins war geschlossen. Nummer zwei ebenso, die angegebene Nummer nicht erreichbar. Nummer drei? Eine halbfertige Bruchbude über einer Tankstelle. Also fuhr ich weiter zum Tercan Barajı See, wo ich bei untergehender Sonne mein Zelt aufschlug.
Ich setzte meine Nudeln auf, blickte beim Essen auf das ruhige Wasser und die Berge in der Ferne. Nach einem langen, eindrucksvollen Tag, voller Begegnungen, Naturwunder und Herausforderungen, fiel ich zufrieden und müde ins Zelt.









