Mühsamer Start in den Tag, viele Berge, noch viel mehr Regen und ein leckeres Essen
In der Nacht hatte es erneut geregnet. Der ohnehin schon matschige Ackerboden um mein Zelt herum – vier Quadratmeter Wiese mitten in einer Olivenplantage – war jetzt noch klebriger. Der lehmige Boden haftete an allem: meinen Schuhen, den Taschen, dem Zelt. Ich musste extrem aufpassen, um nicht alles komplett einzusauen. Beim ersten Blick auf mein Fahrrad dann der nächste Dämpfer: Schon wieder war der Hinterreifen platt – zum dritten Mal in kürzester Zeit. Der Frust war entsprechend groß.
Eins war klar: Mitten im Schlamm, umgeben von nasser Erde, würde ich den Schlauch hier ganz sicher nicht wechseln. Also holte ich die Handpumpe raus, brachte zumindest etwas Luft in den Reifen und machte mich auf den Weg zur nächsten Tankstelle. Der Weg dorthin war noch einmal ein kleines Abenteuer für sich: Umgestürzte Barrikaden, riesige Pfützen, verschlammte Wege und überspülte Abschnitte verlangten mir und dem Rad einiges ab.
An der Tankstelle angekommen, versuchte ich, das Rad mit dem Hochdruckreiniger zu säubern. Der Wasserstrahl war jedoch auf exakt eine Minute begrenzt – für den Preis der Waschmünze ein schlechter Scherz. Trotzdem schaffte ich es, den gröbsten Dreck zu entfernen. Dann baute ich das Hinterrad aus und untersuchte den Schlauch. Und tatsächlich: Das Loch befand sich exakt an der gleichen Stelle wie am Tag zuvor. Ein klarer Hinweis darauf, dass im Mantel irgendetwas stecken musste, das die Schläuche immer wieder beschädigt.
Ich inspizierte den Mantel gründlich – tastete, bog, drehte ihn um, suchte nach Splittern, Dornen oder Draht. Aber ich konnte nichts finden. Da ich aber keine Lust hatte, morgen erneut mit einem Platten zu starten, entschied ich mich schweren Herzens, meinen Ersatzmantel einzusetzen und nicht nur den Schlauch, sondern gleich das gesamte Hinterrad-Setup zu wechseln. Den alten Mantel werde ich bei nächster Gelegenheit noch mal gründlich prüfen, um dem Problem endgültig auf die Schliche zu kommen.
Als ich danach versuchte, den Reifen mit dem Luftdruckgerät an der Tankstelle final aufzupumpen, riss es mir fast den letzten Nerv: Der Gummischlauch der Pumpe platzte, und statt Luft aus dem Ventil, zischte sie nun aus einem Loch im Schlauch. Also wieder zur Handpumpe gegriffen – so gut es eben ging – und zur nächsten Tankstelle gerollt. Auch dort: kaputtes Gerät. Erst die dritte Tankstelle hatte ein funktionierendes Luftdrucksystem. Das hätte auch einfacher laufen können.
Endlich wieder unterwegs, ging es weiter Richtung Berge. Doch nun frischte der Wind stark auf – und zwar direkt von vorn. Es fühlte sich an, als hätte ich 20 Kilo mehr auf dem Gepäckträger oder als würde ich erneut mit einem Platten fahren. Nach etwa 45 Kilometern war der Energiepegel im Keller. Am ersten kleinen Pass kam ein Restaurant in Sicht, direkt an der Straße gelegen. Ich kehrte ein.
Das Restaurant hatte zwar nur ein einziges vegetarisches Gericht auf der Karte – doch was für eins! Ein Frühstücksteller, wie ich ihn in dieser Form noch nicht erlebt hatte: Käse, frisches Gemüse, Oliven, Marmelade, verschiedene Honigsorten, Brot, Aufstriche, Pommes, eine Frühlingsrolle und ein Spiegelei – alles liebevoll angerichtet. Ich ließ mir Zeit und genoss jeden Bissen, um wieder zu Kräften zu kommen.
Die Wolken hingen inzwischen tief über den Bergen. Ich rechnete jeden Moment mit einem ordentlichen Regenschauer – aber der blieb zum Glück aus. Der eigentliche Gegenspieler heute war nicht der Regen, sondern der Wind, der mir den ganzen Tag über erbarmungslos entgegenblies.
Mit viel Geduld, Anstrengung und Willenskraft erreichte ich schließlich Yatağan. Zur Belohnung gönnte ich mir an der Tankstelle ein Eis, bevor ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz machte. Fündig wurde ich auf einem kleinen Hügel oberhalb der Stadt, wo ich in einem windgeschützten Mauerdreieck einer weiteren Olivenplantage mein Zelt aufschlug.
Meine Abendroutine musste ich heute etwas beschleunigen, denn die ersten Regentropfen fielen bereits. Und laut Wetterbericht soll es die ganze Nacht durchregnen – und auch in den nächsten zwei Tagen ist viel Niederschlag angesagt. Vielleicht habe ich ja wieder so viel Glück wie heute und bleibe halbwegs trocken. Noch wichtiger wäre mir allerdings, dass der Wind nachlässt. Der hat mir heute ordentlich zugesetzt.




