Tag
1

Ein weiterer Tag voller Höhen, Tiefen – und skurriler Begegnungen

Heute Morgen ging es für mich wieder weiter Richtung Süden. Nachdem ich in meinem Zimmer aufgewacht war, überprüfte ich erst einmal mein Fahrrad. Leider bemerkte ich schnell, dass mein Hinterreifen platt war – schon der zweite Platten in kürzester Zeit. Das war ziemlich nervig. Also hieß es: alles ausbauen, den Schlauch wechseln, aufpumpen und wieder einbauen. Danach gönnte ich mir noch ein ausgiebiges Frühstück am Buffet, bevor ich mich gestärkt auf den Weg aus Izmir machte.

Gleich zu Beginn stand ein Berganstieg an, der jedoch mit einer angenehmen Steigung gut zu fahren war. Immer wieder hielten vorbeifahrende Autofahrer kurz an, fragten, woher ich komme und wohin ich unterwegs sei, und wünschten mir viel Glück. Diese kleine Geste motivierte mich sehr, und so trat ich mit neuer Energie in die Pedale. Der zweite Anstieg war deutlich fordernder – rund fünf Kilometer mit einer Steigung von 15 %. Es war so steil, dass ich mir Serpentinen selbst zeichnen musste, indem ich in Schlangenlinien hochfuhr. Stück für Stück kämpfte ich mich nach oben, und als ich schließlich den Gipfel erreichte, wurde ich mit einem fantastischen Panorama über eine weite Ebene und dahinterliegende Bergketten belohnt. Die ganze Anstrengung hatte sich absolut gelohnt.

Kurz nach dem Gipfel erreichte ich ein kleines Dorf. Dort suchte ich einen Supermarkt auf, um meine Energiereserven aufzufüllen. Beim Essen meiner Wegration sprach mich ein freundlicher Mann an und lud mich spontan auf einen Tee ein. Wir unterhielten uns lange über meine Reise, meine bisherigen Erlebnisse, und ich erfuhr, dass er Fahrradmechaniker in der nahegelegenen Stadt Kuşadası ist. Nach und nach kamen auch einige neugierige Kinder dazu und stellten mir allerlei Fragen – eine wirklich herzerwärmende Begegnung. Die türkische Gastfreundschaft beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue.

Nach einem zweiten Tee verabschiedete ich mich und fuhr weiter. Die Abfahrt vom Berg eröffnete mir erneut einen atemberaubenden Blick über die Ebene – mit sanftem Licht, das auf die Felder und Berge fiel. Der Weg, auf den mich Komoot lotste, war schmal und nach dem Regen der letzten Tage ziemlich schlammig. Der lehmige Untergrund klebte förmlich an den Reifen, und mehrmals musste ich durch kleine Bachläufe oder regelrechte Pfützen fahren, die sich über den Weg gebildet hatten. Es war ein echtes Abenteuer.

Als ich schließlich die Ebene erreichte und in Richtung Aydın weiterfuhr, suchte ich mir einen Schlafplatz in der Nähe einer Olivenplantage am Straßenrand. Dort kam plötzlich eine Frau schnellen Schrittes auf mich zu, begleitet von einem älteren Mann, der mir neugierig Fragen über meine Reise stellte. Die Frau versuchte mir wiederholt etwas zu zeigen und bedeutete mir, ich solle mit ihr mitkommen. Da ich sie nicht verstand, fragte ich den älteren Mann. Mit einem schelmischen Lächeln meinte er: „Sie ist eine sexy Lady.“

Die Situation war eigenartig – die Frau war etwa Mitte 50, nicht besonders gepflegt, und die ganze Szene wirkte etwas unangenehm. Ein paar Meter weiter standen mehrere Jungs, vielleicht zwischen zehn und 14 Jahre alt, an einem Gebüsch. Ich konnte zunächst nicht erkennen, was sie dort taten – bis ich genauer hinsah und bemerkte, dass sich hinter dem Busch eine Frau befand, mit einem der Jungen, der eindeutige Bewegungen machte. Es war eine irritierende, schwer einzuordnende Szene. Ich wusste nicht, ob die Frau das freiwillig tat oder ob etwas anderes dahintersteckte.

Plötzlich wurde mir klar, was die Frau von vorhin mit ihrem Angebot gemeint hatte. Es schien, als wollte sie mir dieselbe „Dienstleistung“ anbieten. Mit diesem Gedanken im Kopf, und der Unsicherheit darüber, was dort wirklich vorging, entschied ich mich, die Situation schnellstmöglich zu verlassen. Alles fühlte sich einfach merkwürdig und unangenehm an.

Ein paar Hundert Meter weiter, an meinem Schlafplatz, begann ich zu recherchieren, was ich da eigentlich erlebt haben könnte. Ich stieß auf Informationen darüber, dass am ersten Tag nach dem Ende des Ramadan, also heute, das sexuelle Enthaltsamkeitsgebot aufgehoben wird. Möglicherweise hatten sich einige Männer – vielleicht sogar Jugendliche – gezielt für diesen Tag Prostituierte oder andere Frauen organisiert. Dennoch war die Altersdifferenz und das Verhalten der Jungs verstörend. Es wirkte, als würden minderjährige Jungen Frauen ausnutzen, die mindestens doppelt so alt waren.

Diese Szene hat mich ziemlich mitgenommen. Ich brauche wohl etwas Zeit, um sie zu verarbeiten – nicht nur, weil sie unerwartet war, sondern weil sie so viele Fragen aufgeworfen hat. Reisen bringt einen manchmal an die schönsten Orte – und manchmal auch an die härteren Realitäten dieser Welt.