Tag
1

Ein Rückschlag im Nationalpark und erneute Hilfsbereitschaft der besonderen Art 
 
Nachdem am Vortag alle Reparaturen erfolgreich abgeschlossen waren, startete ich voller Zuversicht in den neuen Tag. Ich war dankbar für die spontane und großzügige Hilfe, die ich in so kurzer Zeit von völlig Fremden erhalten hatte – und umso motivierter, wieder ein gutes Stück voranzukommen. 
 
Die Route führte mich zunächst über einen größeren Berg im Süden Nordmazedoniens. Nach der Abfahrt gelangte ich in ein abgelegenes Tal mit beeindruckend unberührter Natur. Dort leitete mich Komoot über einen schmalen, stark verwilderten Weg mit extrem steilen Passagen. Warum genau die App gerade diesen Pfad gewählt hatte, erschloss sich mir nicht – doch ich folgte der Route und trat kräftig in die Pedale. 
 
Plötzlich hörte ich ein Knacken – und sofort war mir klar, was geschehen war: Die drei Schrauben, die mein Schaltauge mit dem Rahmen verbanden, waren erneut gebrochen. Vermutlich lag es diesmal an der Materialschwäche der provisorischen Schrauben, die wir mangels Alternativen verwendet hatten. Doch diesmal befand ich mich nicht in der Nähe einer Stadt, sondern mitten in einem abgelegenen Nationalpark, auf einem steilen Anstieg. 
 
In solchen Situationen heißt es: Ruhe bewahren. Nach gründlichem Überlegen entschied ich mich gegen das mühsame Hochschieben des Fahrrads über den Berg und stattdessen dafür, die steile Passage wieder vorsichtig hinabzufahren – in der Hoffnung, unten auf Hilfe zu stoßen. 
 
Tatsächlich traf ich noch vor Erreichen der Straße auf einen Bauern mit seinem Traktor. Ich machte ihm mein Problem verständlich, und er zögerte nicht lange: Nach mehreren Telefonaten forderte er mich auf, ihm zu folgen. So ging es für mich – das Fahrrad schiebend – hinter dem Traktor her bis in ein winziges Dorf mit gerade einmal 18 Einwohnern. 
 
Dort wartete bereits ein Mann auf mich, den der Bauer angerufen hatte. Er sprach Englisch und verstand sofort meine Situation. In den folgenden Minuten wurden zahlreiche weitere Telefonate geführt, doch zunächst war kein Transportfahrzeug aufzutreiben – schließlich war Sonntag, und fast jeder im Land unterwegs oder schwer erreichbar. 
 
Nach einiger Zeit hatte der Englisch sprechende Mann schließlich Erfolg: Sein Cousin, Besitzer eines kleinen Transporters, war bereit zu helfen und machte sich auf den Weg. Während wir auf ihn warteten, lernte ich fast das halbe Dorf kennen. Ich wurde herzlich empfangen, bekam eine mazedonische Spezialität serviert und durfte sogar selbst gebrautes Bier probieren. 
 
Im Gespräch mit Goce, einem der Dorfbewohner, erfuhr ich, dass er 34 Jahre alt ist und in einer Ziegelsteinfabrik arbeitet. Wie bei vielen anderen auch, stellte sich heraus, dass er mehrere Jahre in Deutschland gearbeitet hatte – ein typisches Schicksal vieler Menschen aus dem Balkan, die im Ausland bessere Verdienstmöglichkeiten suchen. 
 
Als der Cousin mit dem Transporter eintraf, war die Runde auf etwa zwölf Personen angewachsen – eine ausgelassene Stimmung herrschte, es wurde gelacht, geraucht und angeregt diskutiert. Schließlich verluden wir mein Fahrrad samt Gepäck, und die Reise ging weiter nach Resen. 
 
Dort angekommen, bezog ich zunächst mein Zimmer im Hostel. Wenig später erschien bereits der erste Helfer, der von den Dorfbewohnern organisiert worden war. Leider konnte er mit meinem speziellen Problem nichts anfangen, da er nur Standardfahrräder kannte – übernahm aber dennoch engagiert die Rolle als Vermittler und Fahrer. 
 
Er brachte mich zu einem Bekannten in Resen, der Erfahrung im Umgang mit beschädigten Gewinden hatte. In dessen Werkstatt konnten tatsächlich zwei der drei beschädigten Gewinde repariert werden – nur das mittlere war durch die abgebrochene Schraube so beschädigt, dass keine gefahrlose Entfernung mehr möglich war. 
 
Im nächsten Schritt ging es auf die Suche nach stabileren Schrauben. Für mich öffnete der örtliche Baumarkt sogar außerhalb der Öffnungszeiten seine Türen. Der Besitzer ließ sich viel Zeit, um passende, robuste Schrauben zu finden und übergab mir schließlich eine kleine Auswahl im Beutel. Gleichzeitig machte er mich darauf aufmerksam, dass nur eines der zwei reparierten Gewinde wirklich frei nutzbar sei. 
 
Zurück in der Werkstatt wurde schließlich das zweite Gewinde vollständig freigedreht, sodass zumindest zwei Schrauben das Schaltauge nun wieder sicher mit dem Rahmen verbanden. Damit war das Fahrrad wieder einsatzbereit. 
 
Im Hostel wartete bereits der Besitzer auf mich, um mir beim Wiedereinbau der Komponenten zu helfen. Nach der erfolgreichen Montage drehte ich eine kurze Testrunde – und alles fühlte sich stabil und zuverlässig an. 
 
Auch wenn dieser Tag durch den erneuten Defekt zunächst frustrierend begann, war ich am Ende wieder tief beeindruckt: Von der Hilfsbereitschaft völlig fremder Menschen, vom Zusammenhalt in einem winzigen Dorf, vom Engagement eines Baumarktbesitzers an seinem freien Tag – und von der Geduld und Ausdauer all jener, die sich meiner annahmen. 
 
Wieder einmal zeigte sich: Man braucht manchmal Glück, ein wenig Improvisationstalent – und vor allem die richtigen Menschen zur richtigen Zeit.