Tag
1

Ein unerwarteter Zwischenfall und unglaubliche Hilfsbereitschaft 
 
Der Tag begann eigentlich vielversprechend. Ich erwachte am Debar-See und lauschte dem morgendlichen Zwitschern der Vögel. Doch bereits am Vortag hatte ich bemerkt, dass mein Hinterreifen Luft verlor. Also stellte ich mich darauf ein, ihn heute zu wechseln. Doch was zunächst nach einer kleineren Reparatur aussah, sollte meinen gesamten Tag auf den Kopf stellen. 
 
Nachdem ich den Schlauch ersetzt hatte, bereitete mir die Befestigung der Rohloff-Nabe Schwierigkeiten. Ich war mir nicht sicher, ob alles korrekt montiert war, doch als ich schließlich weiterfahren wollte, geschah das Unglück: Durch den Widerstand beim Anfahren am Berg verrutschte die Nabe, und die enorme Kraft riss drei Schrauben, die das Schaltauge mit dem Rahmenschloss verbinden, komplett ab. Zudem verbog sich die Aufhängung am Rahmen. Ohne diese speziellen Schrauben und das notwendige Werkzeug war eine Weiterfahrt unmöglich. 
 
Glücklicherweise geschah der Defekt nicht mitten in den Bergen, sondern noch in der Nähe einer Straße. Ich winkte einem Autofahrer zu, der sofort anhielt und mir Hilfe organisierte. Kurz darauf kam ein Taxi, das mich mit meinem Fahrrad nach Debar brachte – in der Hoffnung, dort eine Werkstatt oder einen Fahrradladen zu finden. Doch schnell wurde klar, dass es vor Ort keine Lösung gab. Daher blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Taxi weiter nach Struga zu fahren, wo es sowohl einen Fahrradladen als auch eine Unterkunft gab. 
 
Die Taxifahrt war abenteuerlich: Mein Fahrrad ragte zur Hälfte aus dem Kofferraum, Sicherheitsgurte gab es nicht, und eine Klimaanlage bei den sommerlichen Temperaturen suchte man vergeblich. In Struga angekommen, zeigte mir der Fahrer die wichtigsten Anlaufstellen, bevor er mich am Hotel absetzte. Dort brachte ich mein Gepäck in Sicherheit und begann, meine Lage zu analysieren. Ich aktivierte meine eSIM, um mit meiner Familie und meinem Fahrradladen des Vertrauens – „Radelmal“ in Darmstadt – Kontakt aufzunehmen. 
 
Nach einem längeren Videoanruf mit Max vom Radelmal stand fest: Die entscheidenden Schrauben mussten ersetzt werden. Ich machte mich also auf den Weg zum zwei Kilometer entfernten Fahrradladen. Dort angekommen, wollten die Mechaniker das Rad selbst begutachten, bevor sie eine Lösung vorschlugen. Einer der Mitarbeiter fuhr mich mit seinem Auto zurück zum Hotel, um das Fahrrad zu holen. In der Werkstatt begann dann die mühsame Suche nach den passenden Schrauben – leider ohne Erfolg. 
 
Der Chef der Werkstatt entschied daraufhin, den Mechaniker mit mir zu einem Baumarkt zu schicken. Dort fanden wir zumindest ähnliche Schrauben, die jedoch nicht die ideale Stabilität hatten. In der Werkstatt angekommen, versuchte der Sohn des Chefs, eine dieser Schrauben in mein Ersatz-Schaltauge zu drehen – doch sie brach ab. Die Stimmung war gedrückt, doch aufgeben kam nicht in Frage. 
 
Der Mechaniker machte sich daraufhin auf den Weg zu verschiedenen Läden und Werkstätten, um doch noch eine Lösung zu finden – leider ohne Erfolg. Schließlich blieb nur eine mühsame Handarbeit: Über eine Stunde lang drehte er die abgebrochene Schraube mit Spezialwerkzeug vorsichtig aus dem Gewinde, ohne dieses zu beschädigen. Anschließend wurden die Schrauben mit einer Metallsäge auf die richtige Länge gekürzt und montiert. 
 
Zwar konnten die beschädigten Gewinde des Schaltauges nicht vollständig repariert werden, doch das war ein Problem, das ich später an einem Pausentag in einer besser ausgestatteten Werkstatt beheben lassen konnte. Wichtig war, dass mein Fahrrad wieder funktionstüchtig war. 
 
Nachdem alles montiert war, wurde mein Rad zurück zum Hotel gebracht. Dort stand eine zweite Videoschaltung mit Max an, der mich Schritt für Schritt durch den Zusammenbau führte, um sicherzustellen, dass sich der Vorfall nicht wiederholen würde. Als ich am Abend eine Testfahrt unternahm, lief alles reibungslos – die Erleichterung war riesig. 
 
Zum Abschluss fuhr ich noch einmal zur Werkstatt, um mich zu bedanken – doch sie hatten bereits geschlossen. Wahrscheinlich war mein Fall so zeitintensiv gewesen, dass sie den Arbeitstag früher beendeten. 
 
Die enorme Hilfsbereitschaft der Menschen in der Fahrradwerkstatt hat mich tief berührt. Über fünf Stunden investierten sie in die Reparatur, suchten unermüdlich nach einer Lösung – und verlangten am Ende keinen Cent für ihre Arbeit. Ihnen genügte es, mir geholfen zu haben und mich wieder auf die Reise schicken zu können. 
 
Obwohl der Tag mit einem großen Rückschlag begann, hatte ich am Ende unglaubliches Glück: Ich traf ausschließlich auf hilfsbereite Menschen und konnte meine Reise bereits am nächsten Morgen fortsetzen. Solche Erlebnisse zeigen mir immer wieder, dass Reisen nicht nur aus schönen Landschaften, sondern vor allem aus Begegnungen mit besonderen Menschen besteht.