Begegnung mit Tony in Bao Lac
Am Morgen verließ ich Ha Giang. Eigentlich hatte ich geplant, die ersten 30 Kilometer mit dem Taxi zurückzulegen, da ich diesen Abschnitt bereits in den letzten Tagen gefahren war. Doch da das Auto des Fahrers zu klein war, um mein Fahrrad zu transportieren, blieb mir nichts anderes übrig, als die Strecke erneut – diesmal aus der anderen Richtung – unter die Räder zu nehmen. Die Anstiege waren steil und fordernd, doch zum Glück gab es unterwegs kleine Dörfer, in denen ich Kaltgetränke bekam. Bei der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit war das überlebenswichtig.
Besonders zwei extrem steile Passagen brachten mich an meine körperlichen Grenzen. In solchen Momenten wächst in mir zunehmend die Sehnsucht nach den flachen Küstenstraßen am Südchinesischen Meer. Für den Moment aber hatte ich mich bewusst entschieden, noch ein Stück in den Bergen zu bleiben.
Nach den kräftezehrenden Anstiegen führte der Weg schließlich in ein Flusstal. Dort ging es leichter, nur noch mit sanften Wellen auf und ab, bis ich im Licht des Sonnenuntergangs durch den Dschungel nach Bao Lac rollte. Inzwischen war es dunkel, und da viele Restaurants hier schon gegen 20 Uhr schließen, wollte ich mir zunächst eine Mahlzeit sichern.
Vor einem belebten Lokal traf ich auf einen Mann, der mich – zu meiner Überraschung – auf Deutsch ansprach. Sein Name war Tony. Er ist vietnamesischer Herkunft, aber in Deutschland aufgewachsen, und lud mich spontan ein, am Gedenkfest seiner Familie teilzunehmen. Anlass war der dritte Todestag seiner Großmutter.
Die Tische waren reich gedeckt, und auch wenn viel exotisches Fleisch serviert wurde, beschränkte ich mich auf Reis, Gemüse und Tofu. Schon seit einiger Zeit habe ich in Vietnam und anderen Ländern dieser Region den Appetit auf Fleisch verloren – zu sehr prägen sich mir die Haltungs- und Transportbedingungen der Tiere ein.
Tony erzählte mir seine Lebensgeschichte: Als Kind war er mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen, doch da diese meist Nachtschichten arbeiteten, konnte er kaum betreut werden. Mit sieben Jahren kehrte er daher nach Vietnam zurück und wuchs in Bao Lac auf. Später studierte er in Hanoi Film und Schauspiel. Mit 18 lernte er seine spätere Frau kennen, mit 23 gründete er eine Familie. Da die Berufsaussichten mit seinem Studienabschluss schwierig waren, begann er, Deutsch zu unterrichten. Heute arbeitet er in Lao Cai als Lehrer, denn viele junge Vietnamesen wollen Deutsch lernen, um später in Deutschland zu studieren oder dort eine bessere Zukunft zu suchen.
Tony selbst plant, in zwei Jahren mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Nürnberg zu ziehen. Dort möchte er im Restaurant seiner Eltern mitarbeiten, das diese in Deutschland aufgebaut haben. Seine Geschichte hat mich sehr berührt – eine Begegnung, die wieder einmal zeigt, welche besonderen Momente eine Reise bereithalten kann.
Nach dem reichhaltigen Essen versuchte mich seine Familie noch mehrfach zu überreden, Schnaps mit ihnen zu trinken. Da ich jedoch beim Radfahren konsequent auf Alkohol verzichte und schon nach einem Glas kaum mehr fahrtüchtig wäre, lehnte ich dankend ab. Stattdessen führte ich noch ein kurzes Interview mit Tony für meine Dokumentation und Vorträge.
Als ich schließlich aufbrach, setzte ein starker Regen ein. Ich wartete, bis er nachließ, und suchte mir dann eine Unterkunft, um noch rechtzeitig zur Ruhe zu kommen. Der nächste Tag sollte erneut eine große Herausforderung werden.







