Ein warmer Zufluchtsort am Cassiar Highway
Nach einer weiteren kalten Nacht mit ungefähr -3 °C stand ich am Morgen wieder vor der wohl größten Herausforderung solcher Tage: überhaupt aus dem warmen Schlafsack herauszukommen. Danach hieß es, sich beim Frühstück langsam auf die Kälte einzustellen und schließlich in die kaltfeuchten Fahrradklamotten vom Vortag zu steigen. Mittlerweile habe ich dafür aber eine ganz gute Routine entwickelt.
Ich verabschiedete mich von dem netten Camper-Pärchen und machte mich wieder mit meinem Fahrrad auf den Weg Richtung Süden. Der Morgen zeigte sich zunächst von seiner schönsten Seite: Die Sonne schien, die Wälder leuchteten in ihren bunten Herbstfarben und im Hintergrund ragten beeindruckende Bergketten auf.
Am Nachmittag änderte sich das Wetter jedoch schlagartig. Erste Regentropfen kamen, und wenig später regnete es immer stärker. Der Regen sollte mich schließlich bis zum Abend begleiten. Da es gleichzeitig ziemlich kalt war, hatte ich noch eine zusätzliche Kleidungsschicht an. Beim Bergauffahren wurde mir darin allerdings schnell zu warm. Durch die Regenkleidung konnte der Schweiß kaum entweichen, während von außen immer mehr Wasser auf meine Kleidung prasselte. Irgendwann war ich deshalb sowohl von innen als auch von außen nass.
Nach und nach begann ich zu frieren. Nasse Kleidung hält den Körper kaum noch warm und der Körper benötigt viel Energie, um die Feuchtigkeit und Kälte auszugleichen. Gerade hier auf dem Cassiar Highway wollte ich meine Kräfte jedoch nicht unnötig verschwenden, denn Einkaufsmöglichkeiten sind rar und auch das Wetter kann schnell unberechenbar werden.
Da für die Nacht weiterer Regen angekündigt war, begann ich deshalb dringend nach einem trockenen Unterschlupf zu suchen. Kurz bevor ich meinen Schlafplatz suchen wollte, kam ich an einer Abzweigung zu einer Goldmine vorbei. Dort befand sich eine Schranke mit einem Security-Häuschen, zahlreichen Kameras und einem kleinen Shelter. Die gesamte Anlage wurde durch mehrere Dieselgeneratoren mit Strom versorgt.
Hinter den Generatoren entdeckte ich einen überdachten Bereich, in dem sogar noch genügend Platz für mein Zelt war. Für mich war das in diesem Moment die perfekte Möglichkeit, trocken durch die Nacht zu kommen. Allerdings war mir bewusst, dass ich mich auf Privatgelände befand. Eine der Kameras hatte mich offenbar bereits erfasst, und so dauerte es nicht lange, bis tatsächlich ein Security-Mitarbeiter zu mir kam.
Er erklärte mir freundlich, aber bestimmt, dass es sich um Privatgrundstück handelte und ich dort wegen der Maschinen und des laufenden Betriebs nicht bleiben könne. Ich erklärte ihm meine Situation: Ich war völlig durchnässt, mir war kalt und ich brauchte dringend einen trockenen und geschützten Platz für die Nacht.
Er hatte Verständnis für meine Situation, sagte mir aber zunächst, dass ich trotzdem weiterfahren müsse. Dann erwähnte er jedoch, dass er seinen Chef fragen könne, wenn es sich tatsächlich um einen Notfall handele.
Ich bestätigte ihm, dass es für mich inzwischen wirklich dringend geworden war – und hoffte einfach, dass sein Chef Verständnis haben würde.
Und tatsächlich hatte ich Glück.
Der Chef erlaubte mir, für eine Nacht auf dem Gelände zu bleiben. Doch damit nicht genug: Der Security-Mitarbeiter brachte mir sogar Tee und Wasser aus dem Camp. Außerdem konnte ich mein Zelt unter dem geschützten Bereich aufbauen, und in unmittelbarer Nähe lief ein Heizstrahler.
Nach einem langen, kalten und völlig durchnässten Radtag irgendwo mitten im Nirgendwo des Cassiar Highway hätte ich mir kaum etwas Besseres wünschen können.
Manchmal sind es genau diese unerwarteten Begegnungen, die eine Reise besonders machen. Ein zunächst fremder Mensch hätte mich einfach weiterschicken können. Stattdessen bekam ich einen trockenen Platz, Wärme, Tee und Wasser – genau das, was ich in diesem Moment brauchte.
So ging ein äußerst anstrengender Tag letztendlich doch noch glimpflich und mit einem sehr dankbaren Gefühl zu Ende.4




